Magento und die sogenannte „Wohlfühl“-Community

Geschrieben von Rico Neitzel

Kategorien: Arbeit und Büro

Ich habe vor wenigen Tagen sowohl den Blogpost von Jochen Krisch als auch den dadurch angestoßenen Blogpost von Roman Zenner zum Thema „Was ist los mit der Magento Community“ gelesen.

In meiner Funktion als Magento Community Manager Germany möchte ich meine eigenen Gedanken zu den beiden Artikeln hier loswerden und „zwischen den Zeilen antworten“.

„Enttäuschend ist für ein Unternehmen wie Magento, das Offenheit und den Open Source Gedanken propagiert, sicherlich, dass es seine Community über den Ebay-Einstieg ein Jahr lang im Dunkeln gelassen hat.“

Jochen Krisch

Grundsätzlich finde ich es auch – im Generellen – nicht schön, wenn mir jemand etwas vorenthält. Und auch ich in meiner ehrenamtlichen Funktion als Community Manager wusste ich nichts von diesem Engagement PayPal/eBays. Mit ein wenig gesundem Menschenverstand war jedoch schnell klar, woher die 22 Mio. stammen. Nicht umsonst zierte das Magento Adminpanel nach dem Deal ein dickes PayPal-Logo in der Konfigurationsübersicht, neue PayPal-Funktionen kamen hinzu und die allgemeine Integration der Zahlungsschnittstelle wurde stark ausgebaut.

Ich sehe Magento (ehemals Varien) als ein marketinggetriebenes Unternehmen. Als solches hat diese Ankündigung durchaus zwei positive Funktionen:

  1. Attraction: Der Hype um dieses Investment schürt weiter das Nachrichtenfeuer um die Software und trägt so maßgeblich, wenn auch ungewollt, zu deren weiterer Verbreitung bei.
  2. Durability: Mit einem Betrag von 22 Mio. kann ein „Start-Up“, als welches ich Magento immernoch bezeichnen möchte, eine Menge bewegen. Also liegt auch nahe, diese Information an die Öffentlichkeit zu tragen. Dass dabei der Investor verschwiegen wird, kann durchaus den Grund haben, dass das Kind von der Öffentlichkeit nicht schon zu Grabe getragen wird, bevor es auf die Welt kam.

Weiterhin schreibt Jochen Krisch in seinem Artikel:

„Andererseits muss man festhalten, dass man selten eine so handzahme Community gesehen hat wie bei Magento. Und man fragt sich, wann sich die Magento-Community, so sie denn für die Zukunft von Magento überhaupt noch eine Rolle spielt, endlich emanzipiert und mehr Einfluss auf Strategie und Produktentwicklung einfordert.“

Jochen Krisch

Wenn Jochen hier die Entwicklung von Magento aufmerksam verfolgt hätte, wovon ich eigentlich ausgehe, wäre ihm sicherlich aufgefallen, dass die Community sehr wohl Einfluss auf die Entwicklung der Software genommen hat und auch weiterhin nimmt.

Nicht zuletzt sind die gravierenden und immer wieder gemachten Änderungen und Verbesserungen in der Steuerberechnung der Community in Deutschland zu verdanken. Es wird also tatsächlich auch eingefordert, wenn der Ruf nach Beteiligung vorhanden ist.

„Außerdem hatte die Magento-Community sowieso zu keinem Zeitpunkt ernsthaften Einfluss auf die Software, weder in strategischer noch in technischer Hinsicht. Der Core wird ausschließlich von Magento gepflegt und weiterentwickelt, externe Entwickler können lediglich Patches und Bug-Reports einsenden ohne letztlich zu wissen, ob und wie diese eingesetzt werden.“

Roman Zenner

Wenn man die Mitarbeit der Community am Grad des „Ich schreibe Code in den Core“ messen möchte, ist diese Aussage vollkommen richtig. Allerdings sehe ich die Mitbestimmung in technischer wie auch strategischer Sicht nicht nur auf Code-Submission begrenzt. Vielmehr ist es ein aktiver Kommunikationsprozess und fortwährende Evaluation der Ergebnisse. Ich stimme zu, dass die Prozesse noch nicht ideal sind, aber wie ich eingangs schon erwähnte, für mich ist Magento mit 3 Jahren immernoch ein StartUp. Gerade im letzten Jahr wuchs Magento signifikant an – viele Mitarbeiter wechselten und noch mehr kamen neu hinzu.

Ich kann verstehen, wenn Unmut entsteht, aber ich hoffe auch auf Verständnis einem Unternehmen gegenüber, dass Großes leistet und sich stetig darum bemüht, neue Prozesse zu schaffen, die die Kommunikation und das „Aufbewahren“ von Informationen vereinfachen.

Was in der Tat momentan etwas schmerzt ist die schlechte Performance des Forums, gerade weil es der erste Kommunikationskanal zu Magento ist. An diesem Problem arbeitet Magento aber bereits. Alle Accounts für die Seite an sich sind bereits auf ein neues Magento basiertes Framework umgestellt und irgendwann wird auch das Forum in einer Art und Weise überarbeitet sein, dass sich darin schnell und bequem fragen, helfen und suchen lässt.

Roman Zenner hat Jochen Krischs Blog als Aufhänger genutzt, um auch seine Gedanken zur Entwicklung der Community zu formulieren.

„Beispielsweise ist man immer noch weit entfernt von einer transparenten Kommunikation mit Magento, genauer gesagt den Core-Entwicklern.“

Roman Zenner

Roman hat hier vollkommen recht. Wenn man jedoch von der anderen Seite beginnt, ist die Frage viel interessanter. Wieviel Zeit sollte ein Core Entwickler pro Tag darauf verwenden, mit Communitymitgliedern zu diskutieren? Wie filtert man sinnvoll aus, welche der vielen 100 Beiträge die pro Tag neu in die Foren kommen das Core-Entwicklerteam beantworten/bearbeiten sollte? Kann man einem einzigen Entwickler zumuten, die Relevanz eines Feature-Requests zu beurteilen? Ich denke nein. Ich finde, hier muss sinnvoll kanalisiert und gefiltert werden. Wir haben in der deutschen Community nur wenige aktive Mitglieder, die Tag für Tag aktiv die Foren durchsurfen und niemals müde sind, immer die gleichen Fragen neu zu beantworten, teilweise mit sehr ausführlichen Hilfestellungen. Dennoch gibt es viele Beiträge im deutschen Forum, die brach liegen und auf eine Antwort wartend verstauben. Für mich als Community Manager ist das natürlich sehr schade und ich wünschte, man könnte zu jedem Beitrag eine Antwort schreiben. Dafür benötigen wir aber noch mehr hilfsbereite Mitglieder, die sich mit Magento bereits auskennen.

Sehen wir der hässlichen Wahrheit aber mal ins Gesicht: Ein Entwickler in einer Firma sitzend bekommt dafür keine Zeit. Die Projekte stapeln sich bis weit über die unvernünftigen Kapazitätslimits der Agenturen und täglich kommen neue Anfragen hinzu. Magento ist eine Goldgrube für kreative Entwickler, die sich Zeit für Magento nehmen. Der Community-Gedanke steht hier dann in der zweiten Reihe. Ich kenne viele Agenturen und Freelancer die völlig ausgebucht sind, die man teilweise nicht mal mehr telefonisch erreicht.

Wenn all diese Magento-Profis, die ihr Geld mit der Community-Edition verdienen, jede Woche 2 Stunden „reinvestieren“ würden, wäre der Community sicherlich ein sehr großer Dienst erwiesen. Doch wie kann man das Denken in den Köpfen deren, die entscheiden, ob diese Zeit zur Verfügung steht oder nicht, beeinflussen?

„Ein wichtiger Punkt ist, dass (…) man nun längerfristig diese Software einsetzen und es sich nicht mit den Machern oder Teilen der Community verscherzen möchte.“

Roman Zenner

Damit unterstellt Roman natürlich der Magento produktiv einsetzenden Community eine gewisse „Duckmäuserichkeit“. Ich glaube, dass gerade das nicht der Fall ist. Im Gegenteil – oft wird kritisch mit Magento umgegangen, gerade weil Magento ein kommerziell agierendes Unternehmen ist. Oft wird versucht, Magento mit Typo3 zu vergleichen. Ich halte diesen Vergleich für unfähig, da Typo3 aus anderen Beweggründen unter anderen Umständen entstanden ist und auch bis heute auf völlig andere Art entwickelt wird. Oft genug lese ich Blogbeiträge und Artikel, in der – wie Sascha Lobo sich sicherlich freuen würde – das Unternehmen und die Software derber „Schmähkritik“ ausgesetzt sind. Nicht zuletzt sind es aber diese Artikel, die die Evolution der Software vorantreiben. Roy Rubin persönlich hat sich oft, sofern möglich, dieser Beiträge angenommen und öffentlich Stellung bezogen.

„Die einzige Möglichkeit, etwas Grundlegendes zu ändern wäre, das Projekt zu forken, wie es auch anderenorts nicht unüblich ist. Hier hat es aber noch keine ernstzunehmenden Versuche gegeben, was vor allem daran liegt, dass dies ein sehr arbeitsintensives Unterfangen mit zweifelhaftem (wirtschaftlichen) Nutzen wäre.“

Roman Zenner

Dieser Absatz spiegelt genau das Problem wieder: Jeder schimpft, aber in die riesigen Fußstapfen von Magento Inc. möchte keiner treten. Varien hat damals einen großen und sehr mutigen Schritt gewagt und eine völlig neue Software mit völlig neuem Ansatz geschaffen. Nach 4 Jahren ist Magento zu einem wichtigen, wenn auch kontroversen, Mitspieler in der eCommerce-Szene geworden und alleine diese Erfolg gibt dem Modell recht.

Abschließend (damit das hier nicht ausartet, das liest ja sonst keiner) möchte ich zusammenfassen: Magento ist und bleibt eine komplexe Software. Frickelentwickler aus xt:Commerce-Zeiten hatten und werden weiter hin mit Magento ihre Probleme haben und deswegen auch immer wieder einen scharfen Ton anschlagen. Professionelle Entwickler, beispielsweise aus dem Zend-Umfeld, sind in Abhängigkeit von Zeit und Budget von Magento begeistert und üben sinnvolle Kritik an Dingen, die auch Magento erkannt hat. Eine „handzahme“, interpretiert ängstliche Community sehe ich in Deutschland nicht. Der Markt ist voll von Software, man muss Magento nicht einsetzen, um erfolgreich eCommerce zu betreiben – man kann.

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  1. Sean sagt:

    …man muss Magento nicht einsetzen, um erfolgreich eCommerce zu betreiben – man kann…
    wurde gerne wissen was die alternatieven waehren.

  2. Gut gebrüllt Löwe.

    III. Quartal 2009 entschieden wir uns für Magento als Platform für unsere eCommerce-Produkte. Wir haben seitdem selbst 7 Mage-Projekte realisiert und 3 sind in der Entwicklung.

    Anfangs mit den 1.3er Versionen war noch einiges hackelig. Aber jetzt mit 1.4 und 1.5 nimmt das Projekt schon eine gute Form an.

    Was echt super funktioniert ist der APC-Cache für PHP. Der kann krasses leisten.

    Gruß
    DF

  3. Hallo Rico,

    vielen Dank für deinen interessanten Beitrag. Ich vertrete bei dieser Diskussion deine Meinung, da ich mich in der Magento-Community (und bei Magento) eindeutig besser aufgehoben fühle als bei den Mitbewerbern.

    Klar, Optimierungspotential besteht und in mancher Hinsicht könnte Magento noch agiler/kundenfreundlicher agieren (wobei ich mit Kunden sowohl Entwickler als auch Anwender meine). Ich würde aber nicht auf die Idee kommen, schwarze Wolken am Horizont aufziehen zu sehen oder gar Magento abzuschreiben. Diesen Eindruck habe ich bei so manchem Beitrag der letzten Tage.

    Liebe Grüße
    Matthias

  4. André Estel sagt:

    „Frickelentwickler aus xt:Commerce-Zeiten hatten und werden weiter hin mit Magento ihre Probleme haben und deswegen auch immer wieder einen scharfen Ton anschlagen. Professionelle Entwickler, beispielsweise aus dem Zend-Umfeld, sind in Abhängigkeit von Zeit und Budget von Magento begeistert“

    Ich weiß, getroffene Hunde bellen etc. aber ist das wiederholen dieses Mantras immer noch nötig?

    • Rico Neitzel sagt:

      Wenn man darauf bedacht ist, all umfänglich über dieses Thema zu sprechen, muss man natürlich auch genau diesen Aspekt aufgreifen. Denn viele Entwickler, die sich beschweren, stammen aus genau diesem Teil der Coder-Landschaft. Es gibt auch jede Menge professionelle Entwickler aus xt:Commerce-Zeiten, welche auch Magento klasse finden – diese sind hier natürlich nicht gemeint :-)

      Zu welcher Gruppe gehörst Du?

      • André Estel sagt:

        Ist man nur dann ein Profi, wenn man Magento klasse findet? 😉 Ich maße mir nicht an, Magento zu kritisieren, mich stört die Polarisierung in „xtc-Frickler“ und „professionelle (Magento-)Entwickler“. Die verstehen eben Magento und verwenden es, wozu der xtc-Frickler eben zu doof ist. Ich beschäftige mich auch mit MVC und in einigen Projekten mit Magento via API, aber ich habe aktuell wenig Lust auf ein „richtiges“ Magento-Projekt und finde die o.g. Trennung schlicht unpassend. Aus meiner Sicht schwarz-weiß Denken. Ich würde mich auf dieser Skala als grau bezeichnen.

  5. Noas sagt:

    Donnerstag, 04.08.2011 21:56 Uhr

    Die Community wird stiller und stiller…

    Man stellt sich schon die Frage, kommt da noch gross was nach oder wars das mit Magento?

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