Gedanken auf dem Flug von Frankfurt nach Philadelphia

Geschrieben von Rico Neitzel

Kategorien: Privates

Ich sitze gerade in einem Flugzeug – 13.000 Meter unter mir Wasser soweit das Auge sehen kann. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Weg nach Amerika, dem sogenannten Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich habe es einem amerikanischen Unternehmen zu verdanken, welches mir nicht nur den Flug sondern auch die Unterkunft als Dankeschön für meine langjährige, ehrenamtliche Tätigkeit als Manager der deutschen Community geschenkt hat.

Mein erster Flug in einem Flugzeug liegt schon viele, viele Jahre zurück. Damals als zehnjähriger Junge führte mich mein erster Urlaub gemeinsam mit meiner Omi nach Tunesien. Damals war es sehr viel einfacher und weniger nervenaufreibend als heute.

Die Zeiten haben sich geändert und die Mentalität der Menschen ebenso.

Nach dem viel zitierten und oft wieder hochgekochten 11. September, an dem mit einem Flugzeugattentat viele Menschen am heutigen „Ground Zero“ umgebracht wurden, wurden die Sicherheitsbestimmungen immer wieder und wieder verschärft. Nicht nur in Amerika, auch im Rest der Welt.

Heute werden Schuhe ausgezogen, Menschen durch umgangssprachlich so genannte „Nacktscanner“ geschickt, vertrauliche und teilweise sehr persönliche Informationen über Reisende länderübergreifend ausgetauscht, ohne Rücksicht auf Datenschutz und Persönlichkeitsrechte.

Ich sitze heute auf meinem Flug nach Philadelphia, meinem erste Ziel in Amerika, neben einem Mann mittleren Alters. Was ist das besondere? Nun, eigentlich nicht viel, aber für mich, der ich in Deutschland geboren wurde und auch dort aufgewachsen bin, habe ich eine gewisse Prägung hinter mir.

Ich bin Atheist und ich mag west-europäische Frauen. Spielt das eine Rolle? Eigentlich nicht. Aber mein Sitznachbar des heutigen Fluges hat statt einem unterhaltsamen Krimi oder einem tiefsinnigen Drama ein Buch dabei, welches wohl alle Genres auf seine ganz besondere Art vereint – eine Bibel.

Ein Mann, den man nicht kennt, mit einem Buch, das man mit Skepsis betrachtet; da kommen erste Vorurteile und Schreckensbilder hoch.

Ich habe mich in den letzten 4 Stunden, die wir nun schon in der Luft sind, immer wieder kurz mit ihm unterhalten. Er ist nett, hat Humor und man würde ihm eigentlich nicht zutrauen, zu etwas bösem befähigt zu sein.

Er holt sein Portemonait aus seiner Tasche und hält zwei Fotos in der Hand. Etwa 5 Minuten lang betrachtet er die Bilder, auf denen eine junge Asiatin zu sehen ist. Seine Frau? Eine Freundin?

Auf seinem eben eingeschalteten Handy ist sie wieder zu sehen – als Hintergrund. Sie ist also eine wichtige Person, mit der er viele Gefühle verbindet.
Doch welcher Gedanke drängt sich auf? „Wieso sieht er sich diese Fotos gerade jetzt an? Wieso hat er ein religiöses Buch dabei?“

Ich halte mich mittlerweile für einen Menschen, der in dieser Welt bereits eine wichtige Sache gelernt hat und ich bin täglich bemüht, dieser Erkenntnis Rechenschaft zu tragen: „Es gibt kein richtig und kein falsch.“ Aus dieser Erkenntnis lassen sich viele Dinge ableiten. Jeder Mensch hat Beweggründe, etwas bestimmtes zu tun; jeder Mensch ist individuell und hat eigene Maßstäbe, nach denen er sein Handeln bestimmt. So ist auch „richtig“ oder „falsch“ immer nur solange existent, wie ich mich selbst nach meinen eigenen Maßstäben beurteile – auf einen anderen Menschen kann ich dieses Maßnehmen nicht übertragen.

Für mich aber fühlt es sich falsch an, dass ich mittlerweile in einer Welt lebe, in der ich einen netten Menschen, der mir aufgeschlossen und freundlich begegnet, mit einem argwöhnenden Beigeschmack an meiner Seite habe. Ich bin traurig, dass mir diese kindliche Offenheit, diese Unbeschwertheit abhanden gekommen ist. Ich fände es schöner, diesen Mann anzusehen, wie er das Bild dieser Frau mit einem sehnsüchtigen Blick betrachtet, nicht, weil er sich in den nächsten Minuten zu einer menschlichen Bombe entwickelt, sondern weil er in einem Flugzeug sitzt, dass ihn gerade viele tausend Kilometer von dieser Person wegbringt. Dass er die gemeinsame Zeit mit Ihr vermisst. Er liest die Bibel nicht, weil er sich eine letzte Absolution in den Zeilen unserer Vorfahren erhofft, sondern weil er Theologe ist und studiert, was damals vorgefallen und in diesem Buch verewiglicht ist, vielleicht weil er Trost in diesen Zeilen sucht, auf dem Weg zurück nach Hause.

Im Grunde empfinde ich oft das Gefühl der traurigen Machtlosigkeit gegenüber all dem Elend, dass sich über viele Jahrzente aus Habgier und Selbstüberzeugung entwickelt hat.
Die Welt, wie sie in meinen Augen sein sollte, wird es wahrscheinlich nie geben und sicherlich hat sie es auch nie gegeben, aber bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt.

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